Überblick über die Religionen Nepals

Der Hinduismus bleibt auch nach Annahme der neuen Verfassung, die das Königreich in eine Demokratie und den absoluten Herrscher in einen konstitutionellen Monarch verwandelte, weiterhin Staatsreligion. Dadurch wird dem König im Bewußtsein vieler Nepalis weiterhin sein besonderer religiöser Status als Inkarnation des Hindu-Gottes Vishnu (Narayan) erhalten bleiben.
Andere Religionen und Glaubensrichtungen wurden in der Vergangenheit toleriert, missionieren ist jedoch nicht erlaubt. Etwa 5 % der Bevölkerung sind Buddhisten, 2,7 % Anhänger des Islam. Je nach Erhebung gibt es beträchtliche Unterschiede zu diesen Zahlen (siehe hierzu Religionsverschmelzung).
Da die Eroberer und Herrscher in Nepal immer Hindus waren, wurde der Hinduismus gefördert und der Buddhismus zurückgedrängt. Buddhismus und Hinduismus haben sich jedoch im Laufe der Zeit stark vermischt. So werden einige der Hauptheiligtümer gemeinsam zum Puja besucht, die gleichen Gottheiten unter verschiedenen Namen angerufen, die gleichen Feste, teils mit unterschiedlicher Bedeutung für den Einzelnen, gefeiert. Die Vermischung im Kathmandu Tal geht so weit, daß man den Glauben des Einzelnen oft nur daran erkennen kann, ob er einen hinduistischen oder buddhistischen Hauspriester beschäftigt. Ein hinduistischer Newar fühlt sich sogar einem buddhistischen Newar stärker verbunden als einem anderen Hindu, der eine andere Sprache spricht und einen anderen ethnischen Hintergrund hat. Die Heirat zwischen Buddhisten und Hindus der gleichen Kaste ist unproblematisch.
Die heutige Religion Nepals ist eigentlich nur zu verstehen, wenn man sich mit der Religionsgeschichte befaßt, denn die Vorstellungen, die man vom frühen Buddhismus oder Hinduismus hat, können die hier existierende Religion nur schlecht beschreiben.
Unter "Religionsgeschichte" werden auch Tantrismus und Shaktismus näher beschrieben, die zu dieser Religionsverschmelzung geführt haben. Ein Kapitel über Mahayana-Buddhismus und tibetischen Lamaismus schließt sich an.

Der Hinduismus
Der Hinduismus kennt keinen Religionsstifter und besitzt auch keine geschlossene dogmatische Lehre. Er erneuert sich ständig selbst, indem Menschen von religiösem Gedankengut inspiriert werden oder in den hinduistischen Schriften (den Veden, den Upanishaden, der Bhagavad Gita etc.), Gedanken, Erklärungen und Erfahrungen wiederfinden, die ihnen ermöglichen, eigene Erlebnisse in Worte zu fassen. Zu diesen Menschen gehören Ramakrishna, Vivekananda, Yogananda, Ramana Maharshi, Muktananda, Ma Anandamayee, Sathya Sai Baba und viele andere spirituelle Lehrer, deren Ashrams sich in Indien befinden.
Der frühe Hinduismus entstand zwischen 1000 und 200 v.Chr. (auch Brahmanismus genannt) durch die Vermischung des nichtarischen einheimischen Drawidenglaubens und der alten arischen Vedenreligion, die die eindringenden Arier (Arya) mitbrachten. Diese sicherten sich damit auch die politische Macht, indem die Brahmanen, die höchste Kaste, allein für die richtige Ausführung der Opferhandlungen zuständig waren. Die Gottheiten der vedischen Zeit waren vor allem Agni, der Gott des Opferfeuers, Surya, der Sonnengott, und Indra, der Gewitter- und Regengott. Es gab 1028 Opfergesänge zur Anrufung der Götter.
Im 8. Jh.v.Chr. wurden die Upanishaden, die ältesten philosophischen Schriften der Inder und wahrscheinlich auch der ganzen Menschheit, aufgeschrieben, einhergehend mit einer Veränderung des Brahmanismus in Richtung des heutigen Hinduismus. Die hinduistischen Reformbewegungen, die sich vor allem gegen das rigorose Kastensystem wandten, Buddhismus, Jainismus und später der Islam übten ihren Einfluß auf den Hinduismus aus, dem es aber bis heute immer wieder gelang, neue Denkanstöße zu integrieren. So wurde aus Buddha einfach eine Inkarnation Vishnus, und er ist so ins hinduistische Denken eingebaut. In Nepal entwickelte sich der Hinduismus auf seine eigene Art, wie in den Kapiteln "Religionsgeschichte" und "Religionsverschmelzung" dargestellt. Die wichtigsten hinduistischen Orte sind Pashupatinath und Dakshin Kali.
Der Hinduismus beeinflußt, wie auch alle anderen Religionen in Nepal, das ganze Leben von der Geburt bis zum Tod. Religion und Alltag sind nicht voneinander zu trennen.
Für den Hindu gibt es viele Wege, die Erleuchtung, Erlösung, das Nirvana, das Moksha - oder wie die vielen anderen Namen für das einzig angestrebte Ziel heißen - zu erreichen. Jedem Hindu ist es auch freigestellt, den Gott zu verehren, der ihm am besten gefällt oder gerade Abhilfe in der momentanen Problemlage schaffen kann. So wird jemand vielleicht Ganesha (Sohn von Shiva und Parvati), den beliebten Gott mit dem Elefantenkopf und dem dicken Bauch, anbeten, weil er alle Hindernisse aus dem Weg schaffen kann und als Gott der Weisheit gilt. Bei finanziellen Problemen wendet man sich dagegen an einen anderen, speziell dafür zuständigen Gott. Für den Hindu sind die verschiedenen Gottheiten nur Ausdruck und Manifestationen der verschiedenen Aspekte des Göttlichen.
Shiva (Pashupati) ist zugleich der Zerstörer und Erneuerer. Er kann viele Formen annehmen. Manchmal erscheint er als Asket mit einem Tigerfell bekleidet. Die meisten der Sadhus beziehen sich auf ihn, manche tragen auch den Shiva-Dreizack mit sich. Shiva wird nachgesagt, daß er Ganja raucht. Deshalb trifft man in Nordindien und Nepal besonders viele Sadhus mit Shilloms. Shivas Reittier ist der Bulle Nandi.
Shiva wird in der Form des Shiva Lingams, einer Darstellung des Phallus, verehrt. Dieser Shiva Lingam steht immer in der Yoni, dem Symbol des Weiblichen, beides zusammen ist Sinnbild für die Vereinigung, aus der neues Leben entsteht. Seine Gefährtin ist Parvati, die Mutter von Ganesha und Skanda (Kumar), dem Kriegsgott mit dem Pfau, und ferner eine schöne, manchmal exzentrische Göttin. Sie hat genauso wie Shiva den Doppelaspekt von Erhaltung und Zerstörung. Parvati ist das Sinnbild der lebensspendenden, lebenserhaltenden Mutter. Im Shaktismus ist sie die Verkörperung der göttlichen Energie (shakti), ohne die der in sich ruhende Gott Shiva seine Funktion nicht erfüllen könnte. Verkörpert sie den Aspekt der Zerstörung, wird sie Kali oder Durga genannt. Kali ist schwarz und tanzt mit einer Kette von Menschenschädeln um den Hals. Ihr werden in Dakshin Kali Tiere (nur männliche) geopfert. Im Monat Ashwin (Sept. - Okt.) werden während des Festes Durga Puja Büffel und Schafe geschlachtet.
Als Inkarnation Parvatis gilt die lebende Göttin, die Kumari. Sie wohnt in einem Tempel in Kathmandu am Durbar Square und ihre Hauptfunktion besteht darin, den König während des Indra Jatra- Festes in einer Zeremonie in seiner Herrschaft zu bestätigen. Begleitet wird sie von zwei Jungen, die als Inkarnationen von Bhairav (Shiva) und von Ganesha angesehen werden.
Die Kumari entstammt der Kaste der Gold- und Silberschmiede. Durch Tests wird sie als kleines Kind ausgewählt. Sobald die Kumari blutet, egal ob durch eine Verletzung oder die eintretende Geschlechtsreife, wird sie durch ein anderes Kind ersetzt. Da es Unglück bringen soll mit einer Kumari verheiratet zu sein, führt sie danach ein einsames Leben. Vishnu (Narayan) ist der Welterhalter. Er sitzt entweder auf einem Lotus (Zeichen der Reinheit) oder fliegt auf dem Vogel Garuda oder liegt auf einer Schlange. In seinen vier Händen hält er Diskus, Meermuschel, Lotusblüte und Keule. Seine Gefährtin ist Lakshmi, die Göttin der Schönheit, des Glücks und des Reichtums. Vishnu inkarniert sich von Zeit zu Zeit, um das Dharma (Gesetz) auf der Erde aufrecht zu erhalten. Seine letzten Inkarnationen sind Rama, Krishna und Buddha. Folgen soll noch die zehnte Inkarnation, der Kalkinavatar. In Nepal wird der König von vielen als Reinkarnation Vishnus verehrt.
Brahma hat vier Köpfe, die seinen vollständigen Überblick als Weltenschöpfer symbolisieren. Brahmas Reittier ist Hamsa, die Wildgans. Er besitzt kaum Bedeutung in Nepal. Zu ihm gehört seine Gefährtin Sarasvati, Göttin der Kunst und des Wissens. Sie wird mit der Vina, einem Saiteninstrument, dargestellt.
Krishna, der blaue Hirtengott mit der Flöte, hat seine Kindheit und Jugend bei den Hirten verbracht, und viele Geschichten ranken um seine Spiele mit den Gopis, den Milchmädchen. Die meisten Krishnabilder zeigen ihn mit Radha, einer Gopi. Anhänger Krishnas suchen die Erlösung ganz in der Hingabe zu Krishna (Bhaktireligion). Zentrum der Krishnaverehrung ist das Krishna Mandir in Patan. Krishnas Geburtstag wird im Monat Shrawan (Juli/August) im ganzen Land gefeiert. Ganesha, der Sohn von Shiva und Parvati, trägt einen Elefantenkopf, weil Shiva ihm in einem Anfall von Wut den Kopf abschlug und ihm deshalb vom nächstbesten Lebewesen den Kopf aufsetzen mußte, um ihn wieder zum Leben zu bringen. Das gerade greifbare Lebewesen war ein Elefant. Das Reittier Ganeshas ist eine Ratte. Die Ratte ist ein Symbol für die Kraft, die im kleinsten Lebewesen steckt und die Fähigkeit in sich birgt, selbst einen Elefanten zu tragen. Wie schon betont, werden Brahma, Vishnu, Lakshmi, Parvati oder Kali nicht als mehrere nebeneinander existierende Götter verstanden, sondern sind letzten Endes nur Manifestationen und Symbole für das Absolute, das für den Verstand nicht mehr faßbar ist, für das Brahman oder Atman.
Brahman wird gemeinhin als Weltseele definiert, während Atman die Einzelseele darstellt. Mit dem Verhältnis Atman zu Brahman beschäftigen sich vor allem die Upanishaden. Der Hinduismus schließt alles ein, sowohl den Glauben und die Begegnung mit einem oder auch mehreren Göttern, als auch die buddhistische Position, daß es keinen Gott gibt. Deshalb gibt es auch so viele Untergruppen, die von streng asketischen, triebunterdrückenden Positionen bis zu einer tantristischen Position, die sexuelle Energie als Mittel zur Erreichung des Ziels einsetzt, reichen.
Weiterer wichtiger Bestandteil des Hinduismus ist das Wissen um die Wiedergeburt, eine Lehre, die sowohl der Buddhismus, als auch das frühe Christentum vom Hinduismus übernommen hat. Jedes Lebewesen hat eine unsterbliche Seele (Atman), die darauf drängt, nach dem Tode wiedergeboren zu werden. Je nach dem persönlichen Karma, d.h. nach den positiven und negativen Handlungen, Gedanken und Bedürfnissen, wird jeder in einer bestimmten Gestalt wiedergeboren. Da auch die Möglichkeit einer Wiedergeburt als Tier besteht, sind strenggläubige Hindus gegen jegliches Töten von Tieren. Wunsch aller Hindus ist es, diesem ewigen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt zu entkommen und das Nirvana, das Einswerden mit dem Brahman, dem Ewigen und Absoluten, zu erreichen. Meditation, Yoga, Askese sind Hilfsmittel auf diesem Weg, wie auch die Arbeit mit einem Guru.
Aus dem Wissen um die Wiedergeburt ergibt sich auch ein ganz anderes Verhältnis zum Tod. Der Tod ist etwas Natürliches, der alte Körper wird aufgegeben, und die Seele wartet auf ihre neue Inkarnation in einem neuen, jungen Körper. Die Seele ist ewig, sie ist Teil des Höchsten, aber auch getrennt davon, und dies ist der Grund für das Verbleiben im Samsara, im ewigen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt. Sie muß immer wiederkehren, um sich in immer reinere und bewußtere Formen zu verwandeln und am Ende zu ihrem Ursprung zurückzukehren, wieder eins zu werden mit dem Brahman.
Der Hindu versucht, dem Dharma (Gesetz) entsprechend zu leben. Das Dharma beschreibt die moralischen und sittlichen Werte, das gesellschaftliche Leben, die Regeln der Kaste und auch das universelle Gesetz. Das universelle Dharma erklärt für den Hindu auch, daß wir zur Zeit im Kaliyuga leben, einem Zeitalter, das mit dem Niedergang der Werte und der Hinwendung zum Materiellen verbunden ist. So wie das menschliche Leben Tod und Wiedergeburt unterworfen ist, ist auch das Universum einem solchen Wechsel unterworfen. Auf Zeiten, in denen sich die Menschheit ganz im Materiellen zu verlieren droht, folgen spirituelle Perioden, in denen die Menschheit höhere geistige Fähigkeiten besitzt und neue Hochkulturen entstehen.
In früheren Zeiten war das Leben des Hindus in vier Phasen unterteilt: Kindheit, Zeit des Lernens, Zeit der Familiengründung und des Besitzerwerbens und die Phase, in der jeglicher weltlicher Besitz aufgegeben wurde, um sich ganz dem Spirituellen zu widmen.

Kastensystem
Erst im 14. Jh. wurde durch den König Jayasthiti Malla (1382-1395) im Zuge einer starken Hinduisierung des Landes eine Kastengesetzgebung erstellt, an die jeder gebunden war. Vorher hatten Kastengesetze nur bei den aus Indien eingewanderten Hindus bestanden. Damit wurde eine geschlossene Gesellschaft geschaffen, eine nepalische Kultur, die sich deutlich von der der Nachbarländern abhob. Wie in Indien gab es vier Hauptkasten: Die Brahmanen (auf nepalisch "Bahun"), die Kshatriyas (nepalisch "Chetris"), die Vaishyas und die Sudras und viele Unterkasten. Die Kastenzugehörigkeit ist am Namen zu erkennen, z.B. zeigt der Name des jetzigen Königs Birenda Bir Bikram Shah Dev durch den Namen Shah seine Zugehörigkeit zur Chetrikaste an. Auch Buddhisten sind in Nepal ins Kastensystem integriert. Es gibt rein buddhistische oder hinduistische Kasten, aber auch solche, die religionsübergreifend sind. Die Newar besitzen ein intra-ethnisches Kastensystem. Hinduismus und Buddhismus sind in der newarischen Kastenordnung gleichwertig integriert, so daß in der Gesellschaftsordnung konfessionelle Gegensätze keine Rolle spielen. Traditionsgemäß sind Berufe an bestimmte Kasten gebunden, die Zugehörigkeit wird patrilinear vererbt. Die Kasten waren hier allerdings nie so stark voneinander abgegrenzt wie im indischen Kastensystem.
Es ist sogar möglich, durch Heirat eine Sprosse auf der Kastenleiter hochzusteigen. Dies trifft jedoch nur auf die Bauern- und Händlerkaste zu. Der Grund dafür liegt darin, daß die Händler durch den Wegfall des Tibet-Handels eher verarmten, während die Bauern ihren Wohlstand erhielten. Für einen höherkastigen Händler lohnte es sich deshalb, eine niedrigkastige Bauerstochter zu heiraten, die Kinder gehören dann zur Händlerkaste, während die Frau ihre Kastenzugehörigkeit behält. Da mit der Kastenzugehörigkeit auch immer bestimmte Essensvorschriften verbunden sind, darf dieser höherkastige Ehemann kein von seiner Frau zubereitetes Essen zu sich nehmen, um nicht seine Kastenzugehörigkeit zu verlieren. Es wäre interessant zu wissen, wie das dann in der Praxis aussieht.


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