Mahayana Buddhismus in Nepal

Der Mahayana-Buddhismus geht davon aus, daß vor dem historisch bezeugten Buddha, der 560 v.Chr. in Lumbini geboren wurde, schon viele andere Buddhas gelebt und die gleiche Lehre verkündet haben. Außerdem erwarten die Mahayana-Buddhisten ebenso wie die Hindus ihren Kalkinavatar (Inkarnation Vishnus), den Buddha der Zukunft, den Maitreyabuddha. Der Mahayana-Buddhismus stellt sich einen Urbuddha bzw. ein Urprinzip, Adi Buddha, vor, aus dem die fünf Dhyani Buddhas entstammen. Die Dhyani Buddhas werden als die fünf Elemente, aus denen der Kosmos besteht, oder als die Hauptformen der Energie des Buddhawesens betrachtet. Zu jedem dieser fünf Dhyani Buddhas gehört eine Familie, bestehend aus seiner Buddhashakti (weiblicher Buddha) und den Bodhisattvas, die als Söhne des Dhyani Buddha mit seiner Buddhashakti angesehen werden. Die Familienangehörigen eines Dhyani Buddha tragen als Erkennungszeichen im Kopfschmuck eine Miniaturfigur ihres jeweiligen Dhyani Buddha. Die fünf Dhyani Buddhas sind: Vairocana, Akshobhya, Ratnasambhava, Amitabha und Amoghasiddha.
Das Bardo Thödol, das Totenbuch der Tibeter, gibt noch eine weitergehende, mehr psychologische Erklärung, die gleichzeitig eine Meditationsanweisung ist, für das Verständnis der fünf Dhyani Buddhas:
Leiden entsteht aus dem Glauben an ein Selbst, eine Folge der Unbewußtheit, des Nichtwissens um das wahre Sein. Die fünf Buddhas stehen für fünf Weisheiten, die jedoch "dem falsch Wahrnehmenden als fünf Gifte oder verblendete Gefühle erscheinen". Das Bardo Thödol "soll zur Erkenntnis dieser Projektionen und zur Auflösung der Empfindung eines Ichs im Licht der Wirklichkeit verhelfen". Der Vairocana Buddha steht für "das Grundgift der Verblendung des Unverstandes, der absichtlich nicht versteht" und aus dem sich alle anderen Gifte entwickeln. Die Weisheit ist das Erkennen "des grenzenlosen, alldurchdringenden Raumes, in dem jedes Ding existiert, wie es wirklich ist". Akshobhya zeigt das Gift Aggression oder Haß, das in die dazugehörige Weisheit umgewandelt werden kann, "die jedes Ding gelassen und unkritisch reflektiert". Ratnasambhava verdeutlicht das Gift des Stolzes. "Sein Gegenmittel ist die Weisheit der Gleichheit und des Gleichmuts". Amitabha symbolisiert Leidenschaft und Verlangen und die damit verbundene Gier. Die dazugehörige Weisheit ist "die Unterscheidung, aus der die Zurückhaltung und Losgelöstheit kommt, mit der Leidenschaft in Mitleid umgewandelt wird". Das mit Amoghasiddhi verbundene Gift, ist der Neid. "Der erleuchtete Aspekt ist die vollendete Wahrheit".
Durch die Auseinandersetzung mit den fünf Buddhas kann die eigene Buddhaschaft erreicht werden. Ein Bodhisattva ist ein Erleuchteter, der nach der Verwirklichung dieser Tugenden Bodhi (Erleuchtung) erlangt hat. In seinem grenzenlosen Mitleid für die Menschen verzichtet der Bodhisattva darauf, ins vollkommene Nirvana einzugehen. Er wirkt weiter, bis alle Lebewesen vom Rad der Wiedergeburt befreit sind. Deshalb wird der Mahayana-Buddhismus auch als das "Große Fahrzeug" gesehen, da es um die Erlösung vieler geht, während der Hinayana-Buddhismus, das "'Kleine Fahrzeug", nur an die Erleuchtung des Einzelnen glaubt. Übersehen wird vom Hinayana-Buddhismus dabei, daß der historische Buddha nach der Legende bei seiner Erleuchtung, von Mara versucht, darauf verzichtet, gleich ins Nirvana einzugehen, und beschließt, weiterhin zum Heil aller Lebewesen zu wirken. Er war insofern schon ein Bodhisattva, wie ihn der Mahayana-Buddhismus darstellt.


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