Kalkutta (Calcutta)
Wie lange wird es noch dauern, bis Calcutta; nicht mehr die viertgrößte, sondern vielleicht die zweitgrößte Stadt der Welt sein wird?! Jedenfalls hat sie offiziell jetzt schon 12 Mio. Einwohner, inoffiziell sollen es mindestens doppelt so viele sein. So groß wurde das Monstrum in weniger als drei Jahrhunderten! Calcutta wurde im Jahre 1690 am Ufer des Hooghly Flusses von Job Charnock gegründet. Er war Gesandter der East-India Company. Der Name der Stadt kommt vom ehemaligen dortigen Fischerdorf Kalighat. Der Name bedeutet 'schwarzes Tor' oder 'Tor der Göttin Kali'. Die City wuchs schnell, zumal sie - dank dem Zugang zum Meer - für den Handel günstig gelegen war. Calcutta hat in den letzten Jahren enorme soziale Fortschritte gemacht, d.h. sie hat es geschafft, die riesige Zahl von Bettlern und Obdachlosen zu reduzieren. Manche behaupten jedoch, daß sie einfach in die Vororte abgeschoben wurden. Sehr große Gegensätze zwischen reich und arm, modern und alt sind nicht zu übersehen. Für uns hatte diese Stadt einen gewissen Reiz durch die sehr hilfsbereiten und freundlichen Bengalis und die endlosen Bazare und Märkte.
Calcutta ist eine Stadt, die die unterschiedlichsten Gefühle auslöst. Für den einen ist sie das schlimmste Erlebnis der Reise, für den anderen trotz Chaos, Schmutz, Gestank und Halsschmerzen aufgrund der Lufverschmutzung einfach faszinierend. Ein Leser aus Sri Lanka schrieb, daß viele nur die Stadt kritisieren, weil sie sich im Touristenghetto bewegen. Seiner Meinung nach kann man beim Betrachten des Lebens in Howrah gerade sehen, daß materielle Armut nicht unbedingt unglücklich macht. Sehr empfehlenswert ist es, während des Besuches das Buch von Dominique Lapierre 'The City of Joy' über das Leben in den Slums zu lesen.
Ganz anders ist wieder die Innenstadt. Peter kam sie bei seinem Besuch immer noch so vor, als ob sie den Indern mal eben so für ein paar Jahre von den Engländern zur Verwaltung überlassen worden wäre. Denn vieles ist noch sehr britisch, schließlich war die Stadt 52 Jahre lang bis 1911 Hauptstadt des britisch-indischen Reiches.
Die heutige Hauptstadt West-Bengalens ist Zentrum der anspruchsvollen Kunst Indiens. Rabindranath Tagore wirkte hier, und heute entsteht in Calcutta der 'alternative Film' Indiens. Die größte Bibliothek Indiens (für jeden Einwohner statistisch gesehen ein Buch, nämlich neun Millionen Bände) und das exzellente Indian Museum sind weitere Indizien für die große Liebe der Bengalen zu den Künsten.
Heute hat Calcutta für den Reisenden auch dadurch Bedeutung, daß es einen wichtigen internationalen Flughafen besitzt, auf dem etliche Billigflüge von Europa und Südostasien ankommen. Für viele ist es also die erste indische Stadt, die sie erleben, für andere wiederum die letzte. Von hier aus preiswerte Flüge nach Dacca/Bangladesh und nach Bangkok. Auch als 'jump off point' für Nepal und Bhutan kommt sie in Frage und als Ausgangspunkt für Darjeeling und die nordöstlichen Provinzen.
Dagegen hat die Stadt ihre historische Rolle als wichtiger Handelshafen nach der Abtrennung der Jute-Anbaugebiete im jetzigen Bangladesh und durch die zunehmende Verlandung des Hooghly-Flusses verloren. Leserbericht von Christian Spitzl